Trouble im Turm

von unseren ehemaligen Mitgliedern Ursel & Jürgen Stecher

Es stand im Kanumagazin Heft 6/1997:  Lagerfeuergeschichten - Wahre Geschichten vom Paddeln

Wir lebten damals an der Wesermündung und hatten früh angefangen, mit dem Kajak die Unterweser und ihre Nebenflusse zu erkunden. Außer den im Strom liegenden lnseln und Nebenarmen kannten wir bald auch jedes Sieltor. Als wir alter wurden, reichte uns dieses Revier nicht mehr. Auf den wöchentlichen Klönabenden im Bootshaus saugten wir alle lnformationen der älteren Kameraden über Außenweser und Nordsee auf. Von Vogelinseln, einsamen Sänden mit Wrackresten und ausgedienten Leuchttürmen wurde erzählt. Auf einigen von ihnen sollte man sogar übernachten können. Ein paar Jahre später kannten wir die Fahrrinnen der Außenweser und Außenelbe wie unsere Westentasche. Unsere Zelte hatten schon an den meisten Sielhafen und auf den Vogelinseln gestanden. Mit den Besatzungen der noch aktiven Leuchtturme waren wir gut bekannt. Sie sahen uns gerne auch mal als Übernachtungsgäste. Im Wurster Watt gab es, was die Schifffahrtszeichen betraf, eine Besonderheit: Bevor die heutigen Fahrrinnen durch Leitdamme in ihr Bett gezwängt wurden, hatten sich die Wasserwege in den letzten Jahrhunderten immer wieder geändert. Fahrwasser, die jetzt nur noch Nebenrollenspielen, waren früher Hauptrinnen gewesen. Dadurch gab es im Watt auf der Meyers Legde und dem Eversand alte Leuchttürme, die nicht mehr genutzt wurden. Nur der größere Eversand-Turm diente noch als Zufluchtstätte für Schiffbrüchige. Einen der ausgedienten Türme hatten wir uns als gemütlichen Stutzpunkt eingerichtet. Zu diesem waren wir an einem Freitag Nachmittag unterwegs. Der Seewetterdienst an der Doppelschleuse in Bremerhaven hatte gutes Wetter vorhergesagt. Der leichte Wind sollte nur am Abend etwas aus Nordwest aufbrisen.

Start Richtung Nordsee

Bereits kurze Zeit vor dem höchsten Wasserstand wurde gestartet. Unser Ziel lag 27 km entfernt. Wir mussten uns beeilen, um den Priel vor dem Turm zu erreichen, bevor das Wasser abgelaufen war. Wer zu spät kam, wurde sein Boot ein längeres Stück über das Watt schleifen müssen. Zwischen den Hafenmolen der Geestemündung herrschte starker Verkehr. Das Lotsenboot, die Fähre und der Zollkreuzer begegneten sich dort. Ihre Wellen wurden von den Wänden der Kais zuruckgeworfen und erzeugten eine für uns unangenehme Kabbelsee. Draußen auf der Weser war es dann wie immer- mit den Geestemolen blieben alle Probleme und Sorgen des Alltags zurück. Vor uns breitete sich die weite Wesermündung aus. Wir gingen in den stärksten Stromzug, um die einsetzende Ebbe zu nutzen. Ab und zu begegneten wir großen Frachtern, die mit voller Fahrt den Häfen zu eilten oder in Richtung Nordsee unterwegs waren. Wenn uns deren Wellen erreichten, kletterten unsere schwerbeladenen Boote die Wellenhoch, um danach mit dem Bug ins nächste Tal zu klatschend. Besonders günstige, von hinten anlaufende Wellen, nutzten wir zum Wellen reiten. Oft surften wir mit hoher Geschwindigkeit mehrere hundert Meter weit. Peter hatte die Nachrichten im Rundfunk gehört. Er erzahlte uns von einem schweren Unfall, der sich auf dem Neubau des Leuchtturms Alte Weser ereignet hatte. Das Seenotrettungsboot und die Polizeiboote seien alle dort, um zu helfen. Für uns hatte dies den Vorteil, die Wasserschutzpolizei nicht in der Nähe zu haben. Denn so ganz legal war unser Vorhaben, auf einem ausgedienten Leuchtturm zu übernachten, nicht. Auf Höhe der Robbenplate sahen wir auf den Sandbänken eine Herde Seehunde in der untergehenden Sonne liegen. Der große Leuchtturm hob sich als Silhouettegegenden rot leuchtenden Himmel ab. Am nördlichen Ende der Plate bogen wir nach Osten hinüber. Die Türme der Meyers-Legde lagen direkt voraus. Einer davon war unser Wochenendstützpunkt.

"Kampf für den Frieden "

Die Kajaks blieben im unteren Stock des Turms, das Gepäck trugen wir in den oberen Raum. Im Laufe unserer Besuche hatten wir unser Lager etwas wohnlicher gemacht: Die im Boden befindlichen Löcher von alten Elektroinstallationen waren mit Brettern zugedeckt, Kleiderhaken ermöglichten das Trocknen der Ausrüstung. Die mit Salpeter bedeckten Wände hatten wir notdürftig tapeziert mit Werbeplakaten der Bundeswehr. Von allen Seiten Iächelten uns deshalb Soldaten an, verziert mit dem markigen Spruch ,,Kampf für den Frieden". Auf den fauchenden Benzinkochern brutzelte das Abendessen. Dann kehrte bei einem Becher Tee Ruheein. Jeder hing seinen Gedanken nach. Draußen war es inzwischen dunkel. Durchs Fenster sah man den Mond als große gelbe Scheibe aufgehen und in einer silbernen Bahn das Watt beleuchten. Seevogel zogen mit Geschrei und Geschnatter über die Sandbänke und suchten nach Nahrung. Plötzlich fuhren wir zusammen. Da waren Stimmen! Dann polterten schwere Stiefel die alte Eisentreppe herauf. Wer mochte das sein? Zuerst tauchte eine Dienstmütze auf, dann das erstaunte Gesicht eines Wasserschutzpolizisten. Sein Blick fiel direkt auf eines der Kampf-für-den-Frieden-Plakate. Verdutzt betrat er das Zimmer, gefolgt von einem nicht weniger überraschten Kollegen. Die Polizisten setzten missbilligende Mienen auf. Es gab Trouble. Mit betretenen Gesichtern mußten wir uns eine lange Standpauke anhören, dass es verboten sei, Schifffahrtszeichen zu betreten. Irgendwann ging den Ordnungshütern aber die Luft aus. Sie wurden freundlicher. Der angebotene Tee stimmte sie dann endgültig milde. 

Basislager Leuchtturm - früher pfiffig, heute absolut verboten

Uns interessierte natürlich, warum sie hier auftauchten. Wir hatten ja unsere Ankunft extra so gelegt, dass wir fast bei Dunkelheit und damit unbeobachtet den Turm erreichten. Doch genau das, so stellte sich heraus, war unser Verhängnis gewesen: Die Leuchtturmwärter auf der Robbenplate hatten uns durchs Fernglas beobachtet. Durch die zunehmende Kabbelsee, verbunden mit der einsetzenden Dämmerung, konnten sie dann nicht verfolgen, WO wir geblieben waren. Etwas nervös durch den Unfall auf dem Alte-Weser-Turm dachten sie, auch uns sei etwas passiert. Da traf es sich gut, dass zur gleichen Zeit ein Polizeikreuzer am Leuchtturm vorbeifuhr. Die Wärter gaben ihre Beobachtung weiter – und schon wurde nach uns gesucht. Uns war klar. dass die beiden Besucher mit dem Beiboot des großen Polizeikreuzers hergekommen sein mussten. Wir wollten wissen, wo sie es liegen hatten. Draußen an der Wattkante, sagten die Polizisten, hatten sie es auf Land gezogen und verankert. Wir machten sie darauf aufmerksam, dass das Wasser seit 40 Minuten wieder am Steigen war. Der Blick auf die Uhr ließ einen Schreck in ihre Gesichter fahren. Nach nochmaliger Mahnung, künftig nicht mehr auf dem Turm zu übernachten, stapften sie eilig in Richtung Wattkante zu ihrem Boot. Kaum hatten wir es uns bequem gemacht, polterten schon wieder Schritte. Die beiden waren zurück - und dieses Mal waren sie es, die schuldbewusst dreinschauten. Wir ahnten schon, was passiert war - als sie zur Wattkante kamen, war die Flut schon so weit gestiegen, dass das Boot, sicher am Anker angekettet, weit draußen im Wasser schwamm. Eigentlich hätte das Wasser bis zum Boot recht flach sein müssen, aber bei der Dunkelheit wagten die Polizisten sich nicht hinein. Jetzt waren sie also wieder da und begehrten Aufnahme bei uns. Wie war das doch gleich mit der Schadenfreude?

Paddlers Gastfreundschaft

Aber wir waren ja gar nicht so. Vielmehr nutzten wir die Gelegenheit, ihnen zu zeigen, was Gastfreundschaft bei Paddlern bedeutete. Schnell war ein Kocher angeschmissen und den inzwischen recht kleinlauten und auch hungrigen Gästen ein deftiges Abendmahl bereitet. Dann stellte sich ein weiteres Problem: Die Beamten Hatten kein Funkgerät dabei. Wie sollten sie jetzt Kontakt mit dem wartenden Polizeikreuzer aufnehmen? Und selbst, wenn dies klappte, wie würde es weiter gehen? Für das große Polizeiboot war das Wasser nicht tief genug - und das einzige Beiboot lag ja im flachen Bereich an der Wattkante. Wir kletterten durch die Deckenluke auf die oberste Plattform. Über uns wölbte sich ein weiter Sternenhimmel. Aus allen Richtungen blinkten die Leuchtfeuer herüber, auch der Polizeikreuzer war zu sehen. Die beiden Polizisten versuchten, mit ihrer Signallampe Morsezeichen zu geben. Die Kollegen auf dem Schiff antworteten zwar mit ihrer Lampe, doch konnte keiner den anderen verstehen. Offenbar war es schon eine ganze Weile her dass die Beamten das Morsen mit dem Morsealphabet gelernt und benutzt hatten. Als wir Paddler unsere Kenntnisse mit einbrachten, bekamen wir schließlich das Alphabet zusammen nur auf dem Schiff klappte es einfach nicht. Schließlich sprangen die Männer vom Leuchtturm Robbenplate ein, die ihr Handwerk verstanden: Von ihrem Turm aus entzifferten sie unsere Botschaft und gaben sie – per Sprechfunk - an den Polizeikreuzer weiter. Auf umgekehrtem Weg kam die Antwort. Unsere beiden Polizisten wurden informiert, daß ein Seenotrettungskreuzer in der Nahe war. Dieser hatte ein Tochterboot dabei, mit dem man Beamte und Beiboot bergen wollte.

Zum Abschied einen Rüffel

Um Mitternacht war Hochwasser. Das Rettungsboot tuckerte heran. Als Tochterschiff des Seenotkreuzers war es extra für Bergeaktionen in flachen Wattengewassern konstruiert worden und konnte deshalb bis an den Turm fahren. Für unsere beiden Gäste war die Pause vorbei. Was jetzt kam, war ihnen gar nicht so angenehm – auf dem Rettungsboot wartete schon ein grollender Vorgesetzter. Erst bekamen die beiden Polizisten einen kräftigen Rüffel wegen unprofessionellen Verhaltens, dann waren wir nochmals dran. Man ermahnte uns nochmals, nicht wieder auf Seezeichen zu übernachten. Beim Ablegen grinste der Polizeichef jedoch schon wieder. Und wir hatten das Gefühl, dass er uns beneidete - um unsere Jugenderlebnisse auf den Leuchttürmen des Wurster Watts.

Nachtrag:

Diese Geschichte hat sich vor vielen Jahren abgespielt. Heute sieht es in der Weser- und Elbmündung nicht mehr so positiv für die Paddler aus. Durch die Einrichtung des „Nationalparks Wattenmeer" sind die Aktivitäten für Küstenfahrer sehr stark eingeschränkt. Nur noch an wenigen Punkten darf angelandet werden. Wilde Zeltplätze an der Küste oder auf den Inseln sind kaum noch vorhanden. Die Leuchtturme liegen alle im Naturschutzgebiet, das nicht betreten werden darf. Durch Leuchtturmwärter bewohnte Turme, auf denen die Kajakfahrer früher auch schon mal bleiben durften, gibt es nicht mehr. Was früher toleriert wurde, ist heute alles verboten.

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